Der Patient will betrogen sein, also betrügen wir ihn

Herr Zimmerli philosophiert über die Digitalisierung:

https://www.nzz.ch/feuilleton/die-rehabilitierung-der-taeuschung-ld.1413992

Dabei führt er interessante Sätze an:

Als Descartes-Postulat könne bezeichnet werden:

„Es sei alles zu bezweifeln, was nicht klar und deutlich erkannt werden könne («clare et distincte percipitur»), um so das unerschütterliche Fundament («fundamentum inconcussum») all unseres Wissens zu finden.“

Und die alte römische Formel «mundus vult decipi ergo decipiatur» (Die Welt will betrogen sein, also sei sie betrogen).

Was das Ganze mit Digitalisierung zu tun hat entzieht sich dem aufmerksamen Leser einigermaßen.

Für den Mediziner bieten diese philosophischen Aussagen jedoch eine gute Ausgangsbasis für die Diskussion.

Wir haben in den vorangehenden Beiträgen bereits analysiert, dass Herr Kant zwar einen letzten Lebenssinn postuliert. Wenn es darum geht diesen zu definieren kommt jedoch die große gähnende Leere.

Das wäre jedoch die einzige Frage gewesen für die sich in der Menschheitsgeschichte jemals ein Philosoph hätte interessieren sollen.

Da ist die obige Formel von Herrn Descartes für den Mediziner weitaus interessanter.

Das was wir nicht klar und deutlich erkennen können sollten wir bezweifeln.

Die Frage in der Medizin lautet:

Was sind die Ursache der chronischen Krankheiten?

Der erste Arzt der sich bemüht hat diese Frage zu beantworten war Herr Hahnemann. Auch wenn seine Antwort aus heutiger Sicht des Autors verkehrt war, hat er damit trotzdem das grundsätzliche Problem jeder Medizin angesprochen.

Wenn ich alle Studienbücher der Medizin durcharbeiten würde, stelle ich fest, dass diese Frage bis heute in den Lehrbüchern der Medizin nicht einmal gestellt geschweige denn beantwortet wird.

Ich fasse die beiden Aussagen zusammen:

Die Naturwissenschaften können nicht definieren, wofür wir überhaupt leben, das aber mit ganzer Kraft und vielen klugen Sprüchen.

Gleichzeitig weiß die Naturwissenschaft nicht was eine chronische Krankheit im Sinne von Hahnemann darstellt und wie sie geheilt werden könnte.

Da war Herr Hahnemann jedoch um einiges weiter.

Er wusste sowohl was eine chronische Krankheit ist, wusste auch wozu er lebte und ob es einen Schöpfer des Himmels und der Erde gibt.

Wenn ich diese Grundlagen der modernen Medizin ansehe und sie mit Hahnemann vergleiche, kann ich nur sagen die moderne Medizin ist krank wie die Cholera und Pest gleichzeitig oder anders formuliert: Wir müssen alle sterben wissen aber nicht warum.

Eine Heilung dieser geistigen Krankheit ist nicht einmal ansatzweise in Sicht.

Doch an dieser Stelle passt bereits der zweite Spruch der Römer hervorragend: Die Welt will betrogen sein also betrügen wir sie.

Wenn wir schon nicht wissen warum wir leben und sterben, das jedoch mit ganzer Zuversicht des Unsinnigen, dann betrügen wir uns und andere wenigstens um den Sinn des Lebens. Das erfolgt bereits in der Schule durch Vermittlung von unsinnigen Lebensinhalten, wie ich bei Goethe versucht habe aufzuzeigen.

Herr Kodalle hat sich mit dem Problem randläufig beschäftigt:

„Die Verzweiflung vieler ehemaliger DDR-Bürger sei eben deshalb so groß, weil ihnen ein zentrales Lebensziel abhanden gekommen ist, während für viele Westdeutsche doch inzwischen eine gewisse Relativierung der Arbeit selbstverständlich geworden sei.“

Zitiert nach: „Arbeit und Lebenssinn: Eine aktuelle Herausforderung in historischer und systematischer Perspektive (Kritisches Jahrbuch der Philosophie)“
herausgegeben von Klaus-Michael Kodalle

https://www.amazon.de/gp/search?index=books&linkCode=qs&keywords=9783826021374

Max Weber führte nach Wikipedia aus:

Aber: „Nicht Arbeit an sich, sondern rationale Berufsarbeit ist eben das von Gott verlangte“ (Bd. 1, S. 171).

So trug, nach Weber, der Puritanismus „das Ethos des rationalen bürgerlichen Betriebs und der rationalen Organisation der Arbeit“ (Bd. 1, S. 174).

Dieser Protestantismus verpflichtet den Einzelnen, zum Ruhme Gottes, Besitztum zu erhalten und durch rastlose Arbeit zu vermehren – beides wesentliche Bestandteile des „modernen kapitalistischen Geistes“. In diesem Zusammenhang weist Weber darauf hin, dass „die Genesis dieses Lebensstils“ in einzelnen Wurzeln, wie auch bei anderen Bestandteilen, bis ins Mittelalter zurück reicht (Bd. 1, S. 179).

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_protestantische_Ethik_und_der_Geist_des_Kapitalismus

Das Zitat von Herrn Kodalle zu den ehemaligen DDR-Bürgern  bringt es jedoch am besten auf den Punkt:

„Leben wir, so leben wir für die Arbeit, sterben wir, dann sterben wir für die Arbeit. Egal, ob wir leben oder sterben, wir tun beiden nur für die Arbeit.“

So könnte der Römerspruch in Abwandlung formuliert werden, wenn wir die kommunistische und kapitalistische Ideologie zu grunde legen (vgl. Brief an die Römer 14.8).

Der Originalspruch lautet:

„Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn (Jerusalemer Bibel).

Das ist die zentrale Religion des Kommunismus und des Kapitalismus, soweit wir das Wort „Herr“ durch das Wort „Arbeit“ ersetzen.